Institut für Kommunikationsgeschichte
und angewandte Kulturwissenschaften

Freie Universität Berlin

Brief von George Grosz an Hermann Borchardt, August 1939, mit der Bitte, das Kriegsbeil zu begraben.

Projekte

Von Berlin nach New York

Dokumentation einer Freundschaft im Exil.
Der unveröffentlichte Briefwechsel zwischen Hermann Borchardt und George Grosz

Gegenstand dieses Forschungs- und Editionsprojekts ist die Korrespondenz zwischen Hermann Borchardt und George Grosz, zwischen einem noch bis heute weithin unbekannten Schriftsteller und seinem engsten Freund, einem der berühmtesten deutschen Maler und Graphiker des letzten Jahrhunderts. Beide müssen Deutschland 1933 verlassen: Grosz emigriert ohne Umweg nach New York, Borchardt zunächst nach Frankreich, dann in die Sowjetunion, von dort zurück nach Deutschland, wo er bald als Remigrant festgenommen und in den Konzentrationslagern Esterwegen und Dachau inhaftiert wird, bis man ihn schließlich, mit Grosz‘ Hilfe, in die USA ausreisen läßt.

Der bislang zum größten Teil noch unveröffentlichte Briefwechsel, der sich über ein knappes Vierteljahrhundert erstreckt, von 1927 bis zu Borchardts Tod 1951, gehört zu den beeindruckendsten Zeugnissen des deutschen Exils. Ob seines Umfangs und seiner Dichte kann er als eine kontinuierliche Geschichte dieser Epoche in Originaldokumenten gelesen werden; auch ein Dokument nicht nur einer unverbrüchlichen Freundschaft in höchst unfreundlichen Zeiten, sondern der Lebenswege zweier Künstler, deren Flucht vor dem Nationalsozialismus zugleich eine Abkehr von ihrer als letztlich gescheitert angesehenen Arbeit in der Weimarer Republik bedeutet. In ihren überaus scharfsichtigen Beobachtungen, die sie sich in ihren Briefen vertraulich mitteilen, nehmen sie auf politische Befindlichkeiten keine Rücksicht. In oftmals sarkastischem, bisweilen spöttischem Ton bringen sie indes manches weit vorausschauende Urteil über ihre Epoche hervor: sei es über den Nationalsozialismus und Faschismus, den Stalinschen Sozialismus, die Illusionen der deutschen Emigranten oder das sogenannte bessere Deutschland, an das Borchardt und Grosz längst nicht mehr glauben mögen. Ihre Enttäuschung über die Katastrophengeschichte, die sich um sie herum ereignet, betrifft nicht zuletzt auch ihre Rolle als Künstler, die sie im Exil neu zu bestimmen suchen. Wobei das von Grosz in polemischem Gegensatz zum untergehenden Europa schwärmerisch besungene Amerika, das ihnen beiden schließlich das Leben rettet, insbesondere Borchardt ziemlich fremd bleibt.

Ziel der Forschungsarbeit ist die vollständige Edition dieses Briefwechsels mit umfangreichem Apparat, der neben einem detaillierten wissenschaftlichen Kommentar und einem großen erläuternden Essay auch unmittelbar dazugehörige Briefe von bzw. an dritte Personen sowie Borchardts Aufzeichnungen über seine Arbeit in der Sowjetunion und seine Haft im Konzentrationslager umfassen soll.

Hermann Haarmann